12.02.2024

Alles ein bisschen anders

Alles ein bisschen anders

Alles war diese Saison ein bisschen anders, alles ist diese Saison ein bisschen anders. Die Deutsche Nachwuchs Liga (DNL) startete ihre Spielzeit 2023/24 im September erstmals mit sogenannten Evaluierungsrunden, aus denen die darauf aufbauenden Folgerunden abgeleitet wurden. So entstand aus den Findungsgruppen A und B die Top Division sowie die beiden Qualifikationsrunden QR1 und QR2. Während die Teilnehmer der Top Division den Meister ermitteln, spielen die Qualifikationsrunden das Teilnehmerfeld für die Findungsgruppen A und B der Saison 2024/25 aus. Und anders als sonst, anders als vielleicht zu erwarten war, spielen die Jungadler Mannheim vor dem Hintergrund des veränderten Modus dieses Jahr nicht um die deutsche Nachwuchsmeisterschaft.

Die DNL-Meisterschaften der Jungadler Mannheim – drei Hände reichen nicht mehr aus, um sie zu zählen. Die Mannheimer Nachwuchsschmiede ist eine Erfolgsgeschichte. Zahlreiche Spieler, die heute in der PENNY DEL dem Puck nachjagen, lernten in Mannheim zumindest zeitweise das Eishockeyspielen. Gestandene Nationalspieler und Cracks, die es erfolgreich bis in die NHL geschafft haben, trugen das Jungadler-Trikot. An dieser Stelle seien nur Leon Draisaitl, Tim Stützle und Moritz Seider genannt. Mit Matthias Plachta, Denis Reul, David Wolf, Arno Tiefensee, Daniel Fischbuch, Felix Brückmann, Fabrizio Pilu, Yannick Proske, Paul Mayer und Noel Saffran finden sich eine Menge ehemalige Jungadler im aktuellen Adler-Kader wieder.  

Doch Erfolg weckt eben auch Begehrlichkeiten. So erhielten viele Jungadler der vergangenen Saison, einmal mehr eine Meistersaison, ein Vertragsangebot eines DEL- oder DEL2-Clubs. Die Folge: Im Team von U20-Trainer Luigi Calce entstand ein großes Loch. „Wir können keinem Spieler verübeln, ein erstes Profiangebot anzunehmen. Wer weiß, ob sie eine solche Chance ein zweites Mal erhalten. Zudem sind die Rahmenbedingungen attraktiv. In vielen Fällen gibt es erstmals ein bisschen Geld zu verdienen, es gibt interessante Förder- und Kooperationsmodelle mit diversen Clubs über alle Ligen“, zeigt Calce Verständnis für die Entscheidung von gleich 14 Spielern, die Jungadler im Sommer 2023 zu verlassen. 

Ein fehlender Punkt

Gleichwohl ahnte der frühere Stürmer, was diese Flut an Abgängen mit sich bringen wird, wenn auch nicht im kompletten Ausmaß. „Gleich zu Beginn der Saison lief falsch, was nur falsch laufen konnte. Wir hatten ohnehin ein kurzes Lineup, dann noch mit Ausfällen zu kämpfen, und weil uns eben dieser große Kern von älteren Spielern weggebrochen ist, hat uns ein wenig die Abgebrühtheit, die Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor, die nötige Erfahrung und die Cleverness gefehlt. Wir haben Fehler gemacht, die ein solch junges Team einfach macht“, erinnert sich der 49-Jährige an einzelne Partien der Findungsrunde, die die Jungadler spielerisch zwar dominierten, am Ende aber dennoch als Verlierer vom Eis gingen. So stand nach zwölf Spielen ein fünfter Platz zu Buche. Ein Punkt hat auf Platz vier und somit die Qualifikation für die Top Division gefehlt. Ein Punkt, der verhindert, dass die Jungadler auch in diesem Jahr um die deutsche Nachwuchsmeisterschaft kämpfen. Mit einem Team, das im Durchschnitt gerade einmal 17,12 Jahre alt ist.

Dass es in diesem Jahr also nicht um den Titel, sondern in der Qualifikationsrunde nur darum geht, die Klasse zu halten, sieht Calce unter dem Strich zweigeteilt. „Natürlich ist das für uns alle enttäuschend. Bei jungen Spielern ist der Wille zu lernen, sich zu verbessern aber omnipräsent. Das kostet als Trainer viel Geduld, man muss sich immer wieder erklären, muss viel kommunizieren. Es braucht einen großen Werkzeugkoffer, um an den Skills, an den Fähigkeiten der Jungs zu feilen. Ich bin da mit sehr viel Leidenschaft dabei, verfolge den direkten Ansatz, Dinge offen und gleich anzusprechen. Außerdem ist mir gegenseitiger Respekt sehr wichtig. Diese Inhalte konnte und kann ich den Jungs auch in dieser Saison an die Hand geben. Alle ziehen großartig mit. Dennoch sollte es meiner Meinung nach im Nachwuchs nicht um Auf- und Abstieg gehen, sondern zu jederzeit die bestmögliche Entwicklung der Spieler im Vordergrund stehen.“

Auf einem guten Weg

Grundsätzlich sieht Calce den deutschen Nachwuchs aber auf einem guten Weg. „Die Ausbildung der Spieler, die Arbeit an ihren Fähigkeiten hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Allerdings haben wir im internationalen Vergleich noch immer viel Luft nach oben. Vor allem, wenn unsere Jungs selbst das Spiel gestalten müssen, haben wir noch an vielen Stellen Defizite. Das beruht unter anderem darauf, dass die jungen Spieler in ihren Proficlubs deutlich weniger Eiszeit pro Spiel erhalten, nur selten in den entscheidenden Momenten auf dem Eis stehen, selten Über- oder Unterzahl spielen. Bei großen Turnieren sieht das dann aber anders aus. Das hat man auch bei der U20-WM in Schweden rund um den Jahreswechsel gesehen“, hofft Calce, dass an den guten Ansätzen weiter gefeilt wird.

Auch die Entwicklung seiner eigenen Jungs sieht Calce, der seit 2020 in der Organisation der Jungadler arbeitet und seit 2022 als Trainer der U20 fungiert, positiv: „Vielleicht fehlt es in der Kabine manchmal an einem älteren Spieler, der auch mal eine klare Ansage macht, um den intrinsischen Antrieb etwas anzukurbeln. Aber spielerisch kann ich meinen Jungs keinen Vorwurf machen. Ganz im Gegenteil. Sie alle sind hungrig, wissen, was gerade am Anfang der Saison gefehlt hat, und wollen sich verbessern.“ Inzwischen stehen die Jungadler nicht von ungefähr an der Tabellenspitze der Qualifikationsrunde 1. 

Dennoch bleibt das oberste Ziel der Klassenerhalt. „Am Ende der Doppelrunde warten Playoffs. Verlieren wir das Viertelfinale, steigen wir ab“, warnt Calce davor, die entscheidende „Best-of-Five“ -Serie, die Anfang März beginnt, auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn alles ist dieses Jahr ein bisschen anders. Die DNL ist mit einem neuen Modus an den Start gegangen, die Jungadler Mannheim mit einem extrem jungen Team. Und anders als in den Jahren zuvor kämpft dieses junge Team dieses Mal nicht um die deutsche Nachwuchsmeisterschaft, sondern in erster Linie um den Klassenerhalt.