Gawanke: „Verzeiht dir eine Weltmeisterschaft selten“
Ein Goalie-Tor, ein Comeback in letzter Sekunde oder ein Verteidiger, der bei einer Weltmeisterschaft einen Hattrick erzielt – manche Dinge sieht man im Eishockey nicht alle Tage. Im Interview spricht Adler-Verteidiger Leon Gawanke über seinen historischen Dreierpack gegen Ungarn, das sportliche Abschneiden der deutschen Mannschaft und die mentale Belastung einer langen, intensiven Saison.
Leon, drei Tore in einem Spiel sind für einen Verteidiger eine absolute Seltenheit. War das eines dieser Spiele, auf das man noch sein Leben lang zurückblickt?
Dieser Hattrick wird sicher einen besonderen Platz in meiner Karriere einnehmen. Es war nicht nur persönlich ein schöner Moment, sondern auch ein wichtiger Sieg für die Mannschaft, weil wir bis dahin noch nicht richtig im Turnier angekommen waren. Dass an diesem Abend offensiv so viel zusammengepasst hat und ich das Spiel mit drei Treffern abrunden konnte, war ein besonderes Erlebnis, an das ich mich lange erinnern werde.
Du sprichst es an, ihr habt den Einzug ins Viertelfinale verpasst. Was waren die Gründe hierfür?
Es ist nicht gelungen von Beginn an unsere beste Leistung abzurufen. Rückblickend war vor allem das Spiel gegen Lettland ein Knackpunkt, weil wir dort ausschließlich einem Rückstand hinterhergelaufen sind. Im weiteren Turnierverlauf haben wir deutlich besser gespielt und gezeigt, wozu wir in der Lage sind. Eine Weltmeisterschaft verzeiht solche Startprobleme aber nur selten. Am Ende hat uns genau das gefehlt.
Unabhängig vom sportlichen Ausgang: Wie hast du die Gegebenheiten bei diesem Turnier wahrgenommen?
Die Rahmenbedingungen bei dieser Weltmeisterschaft waren sehr gut. In der Schweiz spürt man, welchen Stellenwert Eishockey hat und mit welcher Begeisterung die Menschen diesen Sport verfolgen. Auch abseits der Halle war vieles sehr gut organisiert.
Wie habt ihr die Zeit zwischen den Spielen verbracht?
Allzu viel freie Zeit hatten wir nicht. Wenn sich aber die Gelegenheit ergeben hat, waren wir mal in der Stadt, haben etwas gegessen oder ein bisschen die Sonne genossen. Ansonsten standen natürlich Training, Meetings und Regeneration im Mittelpunkt. Im Hotel hatten wir zudem einen kleinen Aufenthaltsraum, in dem wir uns unter anderem mit Fußballtennis die Zeit vertrieben haben.
Nach den frühen Rückschlägen wart ihr schnell zum Siegen verdammt. Wie anspruchsvoll ist es, in so einer Phase nicht den Kopf hängen zu lassen?
Gerade in einem kurzen Turnier ist es enorm wichtig, Rückschläge schnell zu verarbeiten. Man muss sie analysieren, die richtigen Schlüsse ziehen und den Blick sofort wieder nach vorne richten. Wer zu lange hadert, verliert Energie, die man für die nächsten Aufgaben braucht. Entscheidend war, dass wir trotz der schwierigen Ausgangslage weiter an unsere Stärken und an die Qualität der Mannschaft geglaubt haben. Die Stimmung im Team war gut, jeder wusste, was in uns steckt. Das hat man in den letzten drei Spielen auch gesehen.
Mit vier Toren und drei Assists lief es für dich persönlich sehr gut. Was bedeutet dir das?
Trost ist es nicht. Natürlich bin ich froh, dass ich mit meiner Leistung der Mannschaft offensiv helfen konnte, doch am Ende zählt im Teamsport nur das gemeinsame Ziel, und das war für uns das Viertelfinale. Dieses Ziel haben wir verpasst. Deshalb steht für mich nicht meine persönliche Ausbeute im Vordergrund.
Nimmst du bei der Nationalmannschaft eine andere Rolle ein als bei den Adlern?
Meine Rolle in der Nationalmannschaft und bei den Adlern sind sehr ähnlich. Ich habe Powerplay gespielt und konnte mich offensiv einbringen. Das sind Stärken, die ich auch in Mannheim zeigen möchte.
Wie schon im Vorjahr ging es für Deutschland nicht über die Vorrunde hinaus. Haben die anderen Nationen aufgeholt, oder stagniert die Entwicklung im deutschen Eishockey derzeit?
Wie bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr, haben auch diesmal Kleinigkeiten den Unterschied ausgemacht. Letztlich fehlte bei beiden Turnieren ein Punkt für das Viertelfinale. Deshalb wäre es falsch, alles grundsätzlich infrage zu stellen und dennoch müssen wir wieder zu den Dingen zurückfinden, die uns in den erfolgreichen Jahren zuvor ausgezeichnet haben.
Welcher Moment dieses Turniers wird dir besonders in Erinnerung bleiben?
Neben dem Spiel gegen Ungarn bleibt vor allem die Partie gegen die USA hängen. Wir haben dort eine sehr starke Leistung gezeigt, standen am Ende aber nur mit einem Punkt da. Das war extrem bitter, weil hier deutlich wurde, was in diesem Turnier möglich gewesen wäre.
Wie schwierig ist es mental, nach einer langen Saison noch einmal alle körperlichen Reserven zu mobilisieren?
Wer sein Land vertreten darf und den Bundesadler auf der Brust trägt, hat automatisch einen besonderen Antrieb. Das ist eine Ehre und sollte für jeden Spieler genug Motivation sein. Körperlich war die Saison natürlich sehr fordernd. Irgendwann spürt man die Belastung der vielen Spiele mit wenigen Pausen in den Beinen. Gleichzeitig sind wir Profisportler, entsprechend gut vorbereitet und trainiert. Ausreden darf es deshalb nicht geben.
Nun steht auch für dich die Zeit der Erholung an. Gibt es schon konkrete Pläne?
Der Sommer ist durch drei Hochzeiten bereits ziemlich verplant. Zunächst geht es nach Mallorca, dort steht ein Junggesellenabschied an, direkt danach folgt eine Hochzeit. Die ersten ein, zwei Wochen werde ich damit verbringen, um runterzukommen und dem Körper Ruhe zu geben. Danach richtet sich der Blick schon wieder nach vorne. Die verbleibende Zeit im Sommer möchte ich gut nutzen, um mit neuer Energie in die kommende Spielzeit zu starten.



