06.06.2026

Die verliehenen Augen

Die verliehenen Augen

Reden. Viel reden. Schnell reden. Genau reden. Sprachlich präzise. Das sind mitunter Hauptmerkmale für einen Blindenreporter. Über insgesamt acht Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer schweren Behinderung, mehr als 90 Prozent davon wurden durch eine Krankheit oder einen Unfall verursacht. Rund 320.000 Menschen leiden in Deutschland unter eine Sehbeeinträchtigung. Seit vergangener Saison bieten die Adler mit freundlicher Unterstützung unseres Gesundheitspartners AOK zu ausgewählten Begegnungen eine Blindenreportage an, um auch Fans mit reduzierter Sehkraft die Möglichkeit zu geben, Eishockey in Mannheim zu erleben.

In Deutschland gab es 1999 die erste Blindenreportage im Fußball. „Zu dem Zeitpunkt war ich Fußballer durch und durch, habe alles rund um den Sport mitgenommen und bin so darauf aufmerksam geworden, dass es ein Seminar zu dem Thema Blindenreportage gibt. Ich war allerdings der einzige Teilnehmer, bin im Anschluss direkt von Leverkusen verhaftet worden und seitdem Blindenreporter“, erinnert sich Björn Nass an die eigenen Anfänge. Der 44-jährige Rheinländer reportiert gemeinsam mit seinem Team die Spiele der Adler für Sehbeeinträchtigte, verleiht seine Augen.

Als sportbegeisterter Mensch im Allgemeinen stellte sich Nass vor rund fünf Jahren schließlich die Frage, warum es eigentlich nur im Fußball Blindenreportagen geben soll. „Die schnellste und ehrlicherweise auch schönste Mannschaftssport der Welt hatte es meiner Meinung nach auch verdient, Menschen mit Sehbehinderung nähergebracht zu werden.“ So bieten in Deutschland inzwischen mehrere PENNY DEL Clubs eine Audiodeskription ihrer Begegnungen an. Und auch im Handball finden zunehmend Spiele mit Blindenreportage statt. „An sich gibt es grundsätzlich nichts, was man nicht beschreiben kann. Wir hatten die Ehre, 2023 bei den Special Olympics World Games in Berlin dabei sein zu dürfen, haben dort Reiten, Volleyball und vieles mehr übertragen.“

Keine Frage der Perspektive

Eine spezielle Verbindung zu sehbeeinträchtigten Menschen hatte Nass im Vorfeld genauso wenig, wie Berührungspunkte zum Journalismus. „Ich bin da reingeraten, habe die Liebe dazu entdeckt, vor allem die Liebe dazu, dass wir als Blindenreporter unsere Zuhörer unmittelbar erleben dürfen.“ So sitzt Nass bei Spielen unserer Adler umringt von seinen Zuhörern in Block 210. „Wir bekommen direkt Feedback, in den Drittelpausen, nach dem Spiel. Das hat so sonst kein TV- oder Radiokommentator. „So sehen wir das Spiel auch aus derselben Perspektive, in der sich unsere Zuhörer befinden. Auf welcher Seite findet das Bully statt, in welcher Zone, wer spielt das Bully, welche Reihe ist überhaupt auf dem Eis? Wir haben uns Standards entwickelt, um möglichst viele Informationen in kurzer Zeit weitergeben zu können, um möglichst viel reden zu können, ohne nachdenken zu müssen.“

Um möglichst vielen Menschen mit Sehbeeinträchtigung den Zugang zu möglichst vielen Sportarten zu ermöglichen, hat Nass in der Vergangenheit mitgeholfen, einen Leitfaden für Blindenreporter zu erstellen und bietet bis heute Schulungen an. „Dabei ist es uns wichtig, auch die erhaltenen Rückmeldungen einfließen zu lassen. Mit der bloßen Formulierung ’schöner Pass‘ können unsere Höhrer beispielsweise wenig anfangen. Warum war der Pass schön? Weil er genau in den Lauf gespielt war, weil er genau auf die Kelle kam, weil er in den freien Raum gespielt wurde. Es ist auch ein Unterschied, ob die Scheibe über Bande oder über die Bande rausgespielt wurde. Einmal fliegt der Puck aus dem Spielfeld, beim anderen nur aus der Zone und das Spiel geht weiter.“

Unterschiedliche Bedingungen

Dabei kommentieren Nass und sein Team nicht nur das Geschehen auf dem Eis. Auch die Trikots-Designs der Teams, die Einlaufshow, Choreografien, Spruchbänder und andere Vorkommnisse rund um die Begegnung werden beschrieben. So genau und detailliert wie möglich. „Wir haben ja die unterschiedlichsten Nutzer. Manche haben ihre Sehkraft nach und nach verloren, manche haben ein reduziertes Sehvermögen und können so mit der einen oder anderen Umschreibung etwas anfangen. Daher gehen wir auch auf die Farbe der Helme, der Hosen, Stutzen oder der Rückennummer ein.“

Dabei bereiten sich Nass und seine Kollegen im Vorfeld gut auf jedes Spiel vor. „Das geht mit Lockerungsübungen für Mund und Kiefer los, erstreckt sich über die Informationsbeschaffung rund um die Partie durch Recherche und Gesprächen mit Kollegen, Fans oder Club-Mitarbeitern und geht bis hin zur eigenen Abstimmung im Team. Natürlich hilft auch ein allgemeines Interesse an der Sportart, die man reportiert.“ Im Schnitt ist Nass bei drei Spielen pro Woche im Einsatz. Gemeinsam mit seinen Coachings ein Vollzeit-Job also.  

Auch in der kommenden Saison

Dieses Pensum insgesamt, aber auch ein einzelnes Spiel lässt sich dabei nicht im Alleingang abarbeiten. Daher reportiert Nass in der Regel im Tandem. „Im Eishockey haben wir uns entschieden, von Bully zu Bully abzuwechseln. So läuft man nicht Gefahr, zu lange am Stück zu reden und im Kopf müde zu werden. Passiert das, werden die Beschreibungen ungenau.“ Und das kommt für Nass nicht in Frage. „Die möglichst genaue Wiedergabe des Spiels mit all seinen Facetten ist unsere Daseinsberechtigung. Wir sind die Augen unserer Zuhörer.“ Die verliehenen Augen.

Auch in der kommenden Spielzeit werden wir gemeinsam mit der AOK wieder bei zehn ausgewählten Begegnungen die Blindenreportage anbieten. Über die genauen Termine informieren wir zu rechtzeitig. Bei Fragen, Anregungen oder andere Anliegen rund um das Thema Blindenreportage steht Claudia Föllinger (c.foellinger@adler-mannheim.de) als generelle Ansprechpartnerin zur Verfügung.